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Wer war Sappho?

Sappho, die sich selber im äolischen Dialekt ihrer Heimatinsel Lesbos „Psappho“ nannte, lebte etwa zwischen 650 und 590 vor Christus und galt bereits in der Antike als die bedeutendste Lyrikerin griechischer Sprache. Platon rühmte sie sogar als „die zehnte Muse“.

Ein ganz bestimmtes Versmaß, das sie vielleicht nicht eigens erfand, aber bevorzugt benutzte, wurde nach ihr die „Sapphische Strophe“ benannt und von Alkaios, später von Horaz und Catull übernommen.

Kollegenneid (z.B. des Dichters Anakreon) und vor allem eine zunehmende Patriarchalisierung der griechischen Gesellschaft scheinen dazu geführt zu haben, dass Sappho schon bald nach ihrem Tod in ein schiefes Licht gerückt wurde. Man(n) unterstellte ihr, obwohl sie verheiratet war und ihrem Gatten eine Tochter namens Kleïs gebar, homoerotische Beziehungen - „lesbische“ Liebe (englisch: „Sapphismus“).

Unvoreingenommen betrachtet, war Sappho in der Tat eine gesellschaftliche Revoluzzerin: Sie kam auf die Idee, dass musische Bildung nicht nur jungen Männern, sondern auch Mädchen zuteil werden sollte, und gründete eine Art „Höhere-Töchter-Schule“, in der junge Mädchen in der Kunst unterwiesen wurden, ihren künftigen Ehemann zu erfreuen - und zwar mit Musik, Gesang, Tanz und Poesie.

Aber es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass die ausgeschlossene, neugierige Männerwelt auch damals schon über dieses „Mädchenpensionat“ spöttelte, dort nur zu gerne unzüchtiges Treiben vermutete - und entsprechende Verleumdungen verbreiteten.

Im 7. Jahrhundert vor Christus - und ein weiteres ganzes Jahrtausend lang - war der „Fleischesakt“ noch keine „Sünde“, weder ein Tabuthema noch etwas Anstößiges oder Ehrenrühriges. Ebenso wenig die von den erwachsenen Männern praktizierte Knabenliebe, die - so verdächtig uns das heute klingen mag - durchaus einen normalen Abschnitt im Reifeprozess des Jünglings darstellte und keineswegs nur einen sexuellen Aspekt besaß, sondern vor allem einen geistig-erzieherischen.

Während in solch einer Beziehung der ältere Teil, der „Erwachsene“, sich an der jugendlichen Schönheit seines Eleven erfreute, ließ dieser sich in die „Erwachsenenwelt“ einführen, sog Weisheit und Erfahrung aus den Worten und der vorbildhaften Lebensführung seines Patrons. Und in vergleichbarer Weise, darf man sich wohl vorstellen, nahm Sappho eben Mädchen, ihre Schülerinnen in die Lehre, führte sie in das Leben, die Aufgaben einer künftigen Ehefrau ein.

Im Grunde ein höchst lobenswertes Unterfangen - aber in einer Männerwelt nicht unbedingt willkommen. Die Rache dafür, dass Sappho die jungen Mädchen mit Bildung verdarb, folgte rasch: Schon zu Lebzeiten war sie ein paar Jahre von Lesbos verbannt, nach ihrem Tod dichtete ihr die Komödie alsbald unerschöpfliche Lüsternheit an und ließ sie als alte, unattraktive Frau Selbstmord begehen, weil ein weit jüngerer Mann sie verschmäht habe.

Diese Legende berichtet nicht nur Ovids Heroidenbrief, sondern auch Franz Grillparzers Tragödie.

Apropos Tragödie: Einen der bedauerlichsten Verluste haben der Altphilologie mittelalterliche „Saubermänner“ verursacht, die im Sinne der Kirche „unanständige“ Gedichte Sapphos einfach ins Feuer warfen. Sappho ganz auszutilgen, ist ihnen allerdings doch nicht gelungen. Noch aus dem wenigen Erhaltenen lassen sich die Musikalität, die ungekünstelte, einfache Sprache und auch nicht zuletzt das erotische Pathos der ersten „weltweit“ berühmten und vielleicht anerkanntesten Dichterin aller Zeiten heraushören.

(Der Text „Wer war Sappho?“ wurde von „Klëis“ geschrieben.)

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